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Wohin geht die EnEV? Mythen und Missverständnisse

Dipl.-Ing. Marc Förderer, Bauherrenberater des Bauherren-Schutzbund e.V., Region Karlsruhe

Dipl.-Ing. Marc Förderer, Bauherrenberater des Bauherren-Schutzbund e.V., Region Karlsruhe

Immer wieder sind Verbraucher mit allgemeinen Aussagen konfrontiert, was die  Energieeinsparordnung (EnEV) alles vorschreibt. So heißt es manchmal: Nur noch Wärmepumpen und spezielle Dämmsysteme erfüllen die Vorgaben. Oder: Lüftungsanlagen sind Vorschrift. Und der eine oder andere Anbieter soll schon mal den firmeneigenen Wandaufbau als allein EnEV-konform preisen. Verbraucher haben es schwer, bei der Vielzahl oft unterschiedlicher Meinungen die Orientierung zu behalten. Die Frage lautet also: Welche Mythen und Missverständnisse begleiten die EnEV?

Ein Blick auf die Grundlagen
Die EnEV2014 ist prinzipiell systemneutral und systemoffen. Sie verpflichtet zur Anwendung bestimmter Normen und Berechnungsregeln, schreibt aber allgemein keine Baustoffe oder Anlagentechniken zwingend vor. Die Nachweissystematik der EnEV geht hauptsächlich von zwei Kennwerten aus: dem Primärenergiebedarf QP und dem Transmissionswärmeverlust HT. Diese beiden Kennwerte sind gegen ein definiertes Referenzgebäude zu vergleichen. Der Primärenergiebedarf beschreibt den gesamten Energiebedarf des Hauses unter Berücksichtigung eines sogenannten Primärenergiefaktors. Der Primärenergiefaktor ist nach eingesetztem Energieträger (Gas 1,1, Holz 0,2, Solar 0,0, Strom gesenkt auf 1,8) unterschiedlich. Unter dem Transmissionswärmeverlust wird die über die gesamte nach außen abgrenzende Hüllfläche des Hauses (Dach, Außenwand, Fenster, Kellerwände, etc.) verloren gehende Energie verstanden. Diese beiden Kennwerte sind bei der Berechnung gegen ein vorgeschriebenes Referenzgebäude zu vergleichen. Die EnEV2014 hat dabei keine neuen Referenzwerte geschaffen, sie entsprechen nach wie vor der EnEV2009.

Beim objektkonkreten Nachweis muss der Primärenergiebedarf nun im Vergleich zur EnEV2009 25% geringer sein. Die wärmeübertragende Hüllfläche ist mit zwei Kennwerten der EnEV2009 zu vergleichen. Beide dürfen nicht überschritten werden. Dies sind die Referenz-U-Werte (Wärmedurchgangskoeffizienten) einzelner Bauteile und ein, je nach Gebäudetyp, spezifischer auf die Gebäudehülle bezogener Transmissionswärmeverlust. Eine direkte Pflicht zur Senkung der sogenannten U-Werte ergibt sich demnach nur indirekt, nämlich durch die Senkung des Primärenergiebedarfs. Dieser ist aber immer auch abhängig von der jeweiligen Anlagentechnik. Die EnEV2014 lässt also eine individuelle und ganzheitliche Planung zu.

Mythen und Missverständnisse
Die den Neubau betreffenden Regelungen der EnEV2014 sind seit Anfang 2016 einzuhalten. Ein Jahr gab es also die Möglichkeit, Erfahrungen mit der Umsetzung zu sammeln –  auch für Verbraucher ein Lernprozess. Und wie es bei neuen Dingen so ist – schnell entstehen Mythen und Missverständnisse. Bei der EnEV ist das nicht anders. Hier eine kleine Auswahl:

Es darf nur noch mit Außendämmung gebaut werden
Falsch. Grundsätzlich ist die EnEV2014 systemoffen. Mit einer ganzheitlichen Planung unter Berücksichtigung der Wechselbeziehungen zwischen Anlagentechnik (Heizung, Lüftung, Warmwasserbereitung) und Gebäudehülle sowie gegebenenfalls einer Wärmebrückenbetrachtung kann durchaus noch ohne zusätzliche Außendämmung (WDVS) gebaut werden.

Ohne Lüftungsanlage geht nichts mehr
Nicht zwangsläufig. Die EnEV2014 erwähnt im sogenannten Referenzgebäude eine Abluftanlage. Dies bewirkt eine Reduktion des Wärmeverlustes aus der Lüftung und fließt direkt in die Berechnung ein. Werden nun andere Komponenten (Dämmqualität der Hüllfläche oder Anlagentechnik) entsprechend verbessert, kann auf eine Lüftungsanlage im Sinne der EnEV verzichtet werden. Unabhängig vom energetischen Nachweis sind aber die individuellen Bedürfnisse der Bewohner und deren Anliegen zu berücksichtigen.

Gasheizungen dürfen nicht mehr verwendet werden
Grundsätzlich kann nahezu jede Wärmeerzeugungstechnik angewendet werden. Dadurch, dass der Energieträger (hier Gas) mit einem Primärenergiefaktor in die Berechnung und den Vergleich eingeht, kann sich dies mit einem Malus oder einem Bonus auswirken. Gas hat zum Beispiel den Faktor 1,1. Holz hingegen weist den Wert von 0,2 auf. Für ein sonst identisches Haus folgt daraus:  Bei Verwendung einer Gasheizung müssen andere in die Berechnung einfließende Komponenten verbessert werden, um die vorgeschriebenen energetischen Werte eines Hauses  zu erzielen. Ein Weg ist dabei in der Praxis oft die Solarthermie.                               

Massivbauhäuser erfüllen die EnEV nicht mehr
Das stimmt nicht: Nicht nur Fertighäuser in Holzständerbauweise sondern auch Massivhäuser aus Mauerwerk können die EnEV erfüllen. Es ist letztendlich Sache einer detaillierten Planung, die einzelnen Komponenten sinnvoll zu kombinieren und ggf. untereinander auszugleichen. Der Mindestwärmeschutz ist dabei immer zu beachten.

Wärmepumpen sind Pflicht
Auch hier lautet die Antwort nein. Wärmepumpen sind nicht das alleinige Mittel, um ein energieeffizientes Gebäude zu erhalten. Bedingt durch die Reduktion des Primärenergiefaktors für Strom von 2,4 auf 1,8 sind Wärmepumpen augenblicklich allerdings besser bewertet als zuvor.

Eine Zirkulation ist schlecht für die Energieeffizienz und soll nicht verwendet werden
Unter einer Zirkulation versteht man den permanenten Kreislauf von Warmwasser.

Dies bringt den Vorteil, dass an der jeweiligen Zapfstelle immer unmittelbar warmes Wasser zur Verfügung steht. Unter energetischen Effizienzanforderungen ist dies natürlich mit zusätzlichem Aufwand verbunden. Schließlich muss immer warmes Wasser in Bewegung gehalten werden, mit entsprechenden Verlusten im Verteilungsnetz. Mit Blick auf die Energieeffizienz also nachteilig. Es gibt aber auch andere erstrebenswerte Ziele, so die Trinkwasserhygiene, die durch Zirkulation positiv beeinflusst wird.

Gebäude müssen stärker gedämmt werden, da dies vorgeschrieben ist
Nein. Wohngebäude müssen durch die neue EnEV nicht unbedingt stärker gedämmt werden. Die sogenannten Referenz-U-Werte der Hüllflächenbauteile wurden mit der EnEV 2014 nicht geändert. Bei ganzheitlicher Betrachtung des Gebäudes kann durch Verbesserungen in der Haustechnik durchaus auch die EnEV eingehalten werden.

Der Energieausweis zeigt genauen Verbrauch an
Der Energieausweis für Neubauten wird immer auf den sogenannten Energiebedarf ausgestellt.

Dieser beschreibt letztendlich die Energie, die ein Gebäude unter Normbedingungen benötigt.
Weiterhin ist der Energieausweis auf das Referenzklima Potsdam bezogen. Wichtig beim Energieausweis sind darüber hinaus die zugrunde liegenden Berechnungen. Nur mit diesen kann der Energieausweis und dessen Angaben geprüft und nachvollzogen werden.

Die EnEV schreibt dichte Gebäude vor und deshalb schimmeln diese
Die EnEV2014 gibt vor, dass die wärmeübertragenden Umfassungsflächen einschließlich der Fugen dauerhaft luftundurchlässig nach den allgemein anerkannten Regeln der Technik abgedichtet sind. Gleichzeitig sind aber Gebäude so auszuführen, dass der zum Zwecke der Gesundheit und der Beheizung und damit auch Schimmelvermeidung notwendige Luftwechsel sichergestellt ist.

In diesem Spannungsfeld ist die Planung auf die individuellen Bedürfnisse der Bewohner anzupassen. Schimmel kann vermieden werden, wenn die bauphysikalischen Grundbedingungen und Wirkungsweisen eingehalten sowie das Nutzerverhalten an die neuen Gebäude angepasst wird.

Diese Wand erfüllt die Vorgaben der EnEV
Grundsätzlich wird das Wohnhaus in Gänze betrachtet. Einzelne Komponenten können die Referenzvorgaben der EnEV erfüllen. Ob dies dann aber für das gesamte Gebäude der Fall ist, ergibt sich aus der Bilanzierung und Bewertung aller Komponenten. Insofern sind alleinige Aussagen zum Beispiel zu Wänden mit Vorsicht zu genießen.

Ein Blick in die Zukunft
Wie es in Sachen Energieeffizienz von Wohngebäuden weitergehen soll, ist in der EU-Richtlinie über die Gesamtenergieeffizienz von Gebäuden (2010/31/EU) vorgezeichnet. In Artikel 9 ist unter anderem als Ziel formuliert, dass alle neuen Gebäude bis 31.12.2020 Niedrigstenergiegebäude sein sollen. Das sind Gebäude, die eine sehr hohe Gesamtenergieeffizienz aufweisen und deren Energiebedarf nahe Null geht. Weitere Novellierungen der EnEV stehen also vor der Tür – alles unter dem Fernziel der Niedrigstenergiehäuser.

Eine Entwicklungsrichtung ist, dass bei allen neuen Gebäuden vor Baubeginn gewährleistet sein soll, den Einsatz hocheffizienter alternativer Systeme zu prüfen und wenn verfügbar zu berücksichtigen. Dabei geht es um deren technische, ökologische und wirtschaftliche Realisierbarkeit. Ein gewisser Trend zu bestimmten Technologien ist erkennbar. Stichworte sind hier: dezentrale Energieversorgungssysteme auf Basis erneuerbarer Energien, Kraft-Wärme-Kopplung, Fern-/Nahwärme, Wärmepumpen. Die Fokussierung auf bestimmte Systeme kann allerdings auch kritisch gesehen werden. 

Es gibt auch Überlegungen, das Erneuerbare Energien Wärme Gesetz (EEWärmeG), welches den Anteil an erneuerbaren Energie regelt, stärker mit der EnEV zu verzahnen und abzugleichen. Unter der Maxime „die umweltfreundlichste und günstigste Kilowattstunde ist die, die wir gar nicht erst verbrauchen“ soll so weiter der Primärenergieverbrauch reduziert werden. Hiervon werden unsere Neubauten nicht unerheblich betroffen sein.

Die angestrebte weitere Energieeffizienzsteigerung wird zu einer Herausforderung für die Weiterentwicklung der Baustoffe. Hier noch eine physikalisch und bautechnisch sinnvolle Verbesserung zu erreichen, wird immer schwerer. Eher ist davon auszugehen, dass die Anlagentechnik anspruchsvoll werden wird. Durch zunehmend besser gedämmte Gebäude sinkt der Aufwand für Beheizung immer mehr, so dass der Energieaufwand zur Warmwasserbereitung im Vergleich dazu höher ins Gewicht fällt. Es bleibt spannend, welche Entwicklungen sich zum Thema Energieeffizienz noch ergeben.