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Ökologisches Bauen mit natürlichen Dämmmaterialien

Dipl.-Ing. Volker Neuert, Bauherrenberater des Bauherren-Schutzbund e.V., Region Berlin

Dipl.-Ing. Volker Neuert, Bauherrenberater des Bauherren-Schutzbund e.V., Region Berlin

Zeitliche Übersicht zur Entwicklung der Dämmstoffe
Das Bestreben, uns in unseren Behausungen vor unliebsamen Umwelteinflüssen zu schützen, ist so alt wie die Menschheit. Für unsere Vorfahren gab es keine anderen Möglichkeiten, als die dafür in der Natur vorhandene Mittel zu verwenden. In unseren gut erhaltenen und sanierten mittelalterlichen Innenstädten finden wir noch heute Häuser, die aus Holz und Lehmfachwerk gebaut sind. Bis in die fünfziger Jahre des 20. Jahrhunderts wurden Wände, Decken und Böden fast ausschließlich mit Natursteinen, gebrannten Ziegeln, Holz, Sand, Lehm und Kalk gebaut. Mit der Steigerung der Energiepreise begann die Bauindustrie künstliche Dämmstoffe zu entwickeln. Es hat sich aber gezeigt, daß die neuen Bauweisen zu gesundheitlichen und bauphysikalischen Problemen führen können. In Reaktion darauf begannen einige Planer die modernen Baukonstruktionen wieder mit natürlichen Baustoffen zu kombinieren. In dieser Weise ist heute ökologisches Bauen auf höchstem bautechnischem Niveau möglich.

Natürliche Dämmmaterialien – ein Überblick
Holzfaserdämmung zum Beispiel eignet sich sehr gut für den Dachausbau zu Wohnraum. Dieses relativ schwere Dämmmaterial schützt aufgrund seines Gewichtes vor sommerlicher Überhitzung, was mit der leichten und preisgünstigeren Mineralwolle nicht erreichbar ist.

Schafwolle kann man wie einen Wollpullover zur Dämmung zwischen den Dachsparren und zwischen den Stielen von Holzwandkonstruktionen verwenden. Ein chemisches Mottenschutzmittel oder Borsalzzugabe sind zum Mottenschutz unverzichtbar.

Hanf und Flachs finden als Stopf- und Dämmmatten in Holzkonstruktionen Verwendung.

Kork ist aufgrund seiner geringen Feuchteaufnahme vorteilhaft zur Innendämmung von Böden und Kellerwänden.

Stroh, zu Strohballen verpreßt, wird als dämmende Ausfachung in den Holzständerkonstruktionen von Wänden, Dach- und Fußböden eingebaut.

Holzwolleleichtbauplatten (zementgebundene Holzspäne, sog.„Sauerkrautplatten“) gelten bereits seit 1938 als genormter Baustoff, der neben seiner wärmedämmenden Eigenschaft vielfältige Verbreitungen im Innen- und Außenbereich als Putzträger und wegen seiner guten schalldämmenden Eigenschaften als Akustikplatten Verwendung findet.

Schilf wird seit Jahrtausenden vor allem in Norddeutschland wegen seiner Verrottungsresistenz zur Dacheindeckung und als Putzträger z.B. für Lehmputze verwendet.

Zu den ökologischen Dämmmaterialien gehören auch Recyclingbaustoffe und industriell weiterverarbeitete mineralische Stoffe:

Zellulose-Einblasdämmstoffe aus Recyclingpapier

sind zum Beispiel bei Dachausbauten oder in der Altbausanierung sehr beliebt. Sie bieten einen hervorragenden sommerlichen Hitzeschutz, hervorragende Winddichtigkeit und einen sehr guten Schallschutz. Gesundheitlich unbedenkliche Zusätze wie Borax oder Borsäure erhöhen den Brandschutz und schützen vor Schimmel und Schädlingsbefall.

Schaumglasplatten, die aus geschmolzenem Altglas und Quarzsand mit Kohlenstoff aufgeschäumt werden, bieten sich wegen ihrer Wasserfestigkeit im erdberührten Kellerbereich und für Flachdächer an.

Perlite aus Vulkangestein werden als dämmende Ausgleichsschüttung auf der Bodenplatte, aber auch als dämmendes Füllmaterial für Wärmedämmziegel verwendet.

Haben natürliche Dämmstoffe auch Nachteile?
Die meisten pflanzlichen Dämmstoffe sind feuchteempfindlich und müssen auf chemischem Wege wasserresistent gemacht werden. Dies ist bei den künstlichen Mineralfaserprodukten (Mineralwolle) allerdings auch der Fall. Die hochdämmenden künstlichen Baustoffe dämmen besser und sind billiger. Unterm Strich rechnen sich die damit verbunden Einsparungen aber nicht. Die langfristigen Sanierungs- und Gesundheitskosten verbunden mit den volkswirtschaftlichen Mehrkosten zum Ausgleich der Umweltschäden machen die vermeintlichen Einsparungen um ein Vielfaches wieder zunichte. Natürliche Dämmstoffe verbrauchen im Allgemeinen bei ihrer Produktion viel weniger Energie als synthetische Baustoffe, weshalb sie primärenergetisch als sehr gut eingestuft werden.

Gegen den Strich bürsten
Umweltschonendes bauen liegt im Trend – das stimmt. Typischer sind wohl aber immer noch die vielen mit einem Wärmedämmverbundsystemen (WDVS) eingepackten Gebäude im Neubau und im Bestand. Die hochdämmenden künstlichen Baustoffe dämmen besser und sind billiger. Dem erliegen die meisten noch immer. Weniger wird dabei daran gedacht, dass in der Regel alle 20 – 30 Jahre eine Fassadensanierung ansteht. Der in WDVS am meisten verbaute Dämmstoff ist Polystyrol. Er enthält das hochgiftige Flammschutzmittel HBCD, welches dem Bauherrn hohe Entsorgungskosten für Sondermüll verursacht. Demgegenüber kompostieren pflanzliche Dämmstoffe gewissermaßen gratis.

In jüngerer Zeit wurde die luftdichte Bauweise entwickelt, um die Mineralwolle mit Sperrfolien aus Kunststoff (sog. Dampfbremsen) vor Durchfeuchtung zu schützen. Kritiker dieser Entwicklung bezweifeln allerdings, ob sich das auf lange Sicht bewährt. Sie verweisen darauf, dass sich als Nebeneffekt Schadstoffe und CO2 in der Innenraumluft anreichern und die Bewohner schädigen können, wenn nicht ausreichend gelüftet wird. Ferner sind schwere Bauschäden mit dieser Bauweise nicht ausgeschlossen, da Undichtigkeiten in der Dampfbremse ihre beabsichtigte Schutzwirkung ins Gegenteil verkehren und beispielsweise zum Verrotten ganzer Dachstühle führen können.

Ein Fazit
Der Nutzen von natürlichen Dämmmaterialien steht und fällt letztlich mit einer versierten Fachplanung und der Ausführung durch kompetente Baufirmen. Die gibt es! Interessierte private Bauherren benötigen etwas Mühe und Aufwand, um Architekten oder Hausanbieter zu finden, die sich dem umweltschonenden Bauen verschrieben haben. Bei der Suche und Bauausführung unterstützt der Bauherren-Schutzbund durch seine ökologische Bauberatung und die baubegleitenden Qualitätskontrollen.